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Zeitzone Baby

  • Autorenbild: Anastasia Weimer
    Anastasia Weimer
  • 12. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Niemand bereitete einen darauf vor, dass das Muttersein wie ein Dauerjetlag ist, nur ohne das schöne Ziel am anderen Ende der Welt. Stattdessen lande ich jeden Morgen (und mehrmals mitten in der Nacht) in einem Paralleluniversum aus Windeln, Milchgeruch und Schnullern.


Die Uhrzeit verliert ihre Bedeutung. Es gibt nur noch „vor dem letzten Stillen“ und „nach dem nächsten Wickeln“.


Mein Körper weiß nicht mehr, ob er schlafen, essen oder einfach nur kurz existieren soll. Denn da sind diese langen Nächte. Drei Uhr morgens, alles still. Ich wiege das Baby seit einer Stunde, draußen schläft die Welt, das Baby scheint wieder eingeschlafen zu sein, ich lege es hin und als ich mich auch endlich ausstrecken will, muss das Baby nur das kleinste Geräusch machen, ein Niesen, ein Schmatzen, ein fast unhörbares „Mmm“. Sofort springt mein Gehirn in den Krisenmodus. Sicherheit geht schließlich vor, und jedes Geräusch ist ein potenzieller Notfall. Ironischerweise bleibe ich danach erstmal hellwach, lausche auf jeden Atemzug, während das Baby selig weiterträumt, als hätte es den Ernst der Lage noch nicht erkannt.


Um vier Uhr morgens, während das Baby selig schläft und draußen die Welt aus dem REM-Schlaf auftaut, fühlt es sich an wie ein anderer Kontinent, wo die Zeitzone nach Schlafphasen geht und ich ständig Jetlag habe, ohne Flugmeilen dazuzubekommen.

Aber dann passiert es, dieses biochemische Wunder, das uns Müttern das Überleben ermöglicht: Oxytocin. Dieses kleine, unsichtbare Trostpflaster der Natur, das zwischen Milchflecken und Müdigkeit seine Magie entfaltet. Plötzlich durchströmt mich ein warmes, sanftes Glück, das mich glauben lässt, alles sei genau richtig, so wie es ist. Schlafdefizit hin oder her.


Eine Art Naturwitz: erschöpft, zerzaust, emotional am Limit und doch seltsam beseelt.


Früh am Morgen, kaum geschlafen. Kaffee ist wegen dem ganzen Koffein eh nicht drin. Erneut Alarm! Das Baby hat den Schnuller verloren. Ich wollte doch nur mal kurz aufs Klo! Also renne ich ins Zimmer zurück. Schnuller drin, Baby schläft zufrieden weiter.


Mission "Schnulli" erfolgreich gemeistert!


Währenddessen läuft der Hightech-Haushalt auf Hochtouren: Die Waschmaschine trommelt, als würde sie um die Goldmedaille kämpfen, und die Spülmaschine erklimmt gerade heldenhaft die Dimensionen des Mount-Everest-Geschirrbergs. Bügelwäsche? Ade! Wäsche brauche ich eh kaum. Denn ausgehen... wohin denn? Ich pendle nur zwischen Wickeltisch, Babybett und den monatlichen U-Untersuchungen.

Der Lieferservice bringt Essen, Getränke – und hoffentlich auch bald meine Motivation, mich jemals wieder zu schminken. In der Online-Shopping-Welt suche ich die süßesten Teile – selbstverständlich alles fürs Baby, während ich heimlich davon träume, dass der Roboter eines Tages nicht nur den Boden saugt, sondern auch meine Haare bürstet.


Willkommen im Hightech-Dschungel der Mutterschaft.


Mittags: Der Tag hat endlich so etwas wie einen Rhythmus – na ja, theoretisch. Ich stehe da, halb Mensch, halb Milchmaschine, mit einem Baby auf dem Arm und dem Rest meiner Persönlichkeit irgendwo zwischen Windelvorrat und Babys Dress-Couture. Und trotzdem läuft alles, weil es laufen muss. Mutterschaft ist keine Wellnesskur, sondern ein Organisationsmarathon mit Herz. Man jongliert Verantwortung, Schlafmangel und Stillzeiten, als hätte man nie etwas anderes getan.


Man wird zur Managerin eines Mini-Menschen.


Es ist egal, wie man aussieht. Es ist egal, wie viel man geschlafen hat (Spoiler: zu wenig). Man pflegt, füttert, tröstet, wickelt – und tut es gern. Auch wenn es manchmal stressig ist, ist es nie so stressig, dass man aufgeben will. Im Gegenteil: Je mehr man gibt, desto mehr will man geben. Es ist diese absurde, übermenschliche Liebe, die einen antreibt, selbst dann weiterzumachen, wenn man eigentlich schon längst im Stehen schlafen könnte.


Und irgendwann – zwischen Stillen, Wickeln und der nächsten Fata-Morgana-Tasse Kaffee, begreife ich: Ich muss gar nicht ankommen. Ich bin schon am schönsten Ort der Welt, bei meinem Kind. Körperlich jedenfalls. Mein Gehirn hängt wahrscheinlich noch irgendwo zwischen zwei Schlafphasen und sucht verzweifelt den Anschlussflug Richtung Traumland. Aber hey, das wahre Muttersein ist keine Urlaubsreise, es ist ein Abenteuer, dass man mit Verantwortung, Liebe und kreativem Krisenmanagement lebt, übermüdet, zerzaust und trotzdem glücklich.


Anastasia Weimer

 
 

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