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Wenn Sichtbarkeit zur inneren Kraft wird

  • Autorenbild: Anastasia Weimer
    Anastasia Weimer
  • vor 14 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

Im Schach beginnt Weiß.

Eine Farbe, die seit Jahrhunderten für Reinheit, Ordnung und moralische Korrektheit steht. Eigenschaften, die kulturell lange dem Weiblichen zugeschrieben wurden. Und doch ist es Weiß, das angreift. Es setzt den ersten Impuls. Bestimmt die Richtung.


Schwarz reagiert. Es hält dagegen, verteidigt, wartet.

Dabei gilt Schwarz in unserer Symbolwelt als das Mächtige, das Bedrohliche, das Durchsetzungsstarke. Doch auf dem Schachbrett zeigt sich ein anderes Gesetz: Macht liegt nicht im Eindruck, sondern in der Initiative.


Vielleicht übersehen wir genau das auch im Leben.


Wir wachsen in Symbolen auf, lange bevor wir sie hinterfragen können. Farben gehören zu den frühesten davon. Rosa für Mädchen, Blau für Jungen – scheinbar harmlos, scheinbar selbstverständlich. Doch nichts, was ein Kind täglich umgibt, ist neutral. Farben sind keine Dekoration. Sie sind eine stille Form von Prägung.


Dabei war Rosa historisch nie eine „weibliche“ Farbe. In der Antike galt Rot als Farbe des Krieges, der Stärke, der Handlung. Der römische Kriegsgott Mars trug sie nicht zufällig. Helle Rottöne – Rosé, Pink, Purpur – galten als abgeschwächte Formen dieser Kraft. Sie standen für Jugend, Vitalität, Zugehörigkeit zur männlichen Stärke.


Noch bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein war diese Deutung verbreitet. 1918 empfahl ein amerikanisches Magazin Rosa ausdrücklich für Jungen, weil es als energischer galt, während Blau als sanft und fein für Mädchen empfohlen wurde. Farben folgten Bedeutungen. Keine davon war festgeschrieben.


Der Bruch kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Industrie und Werbung suchten nach klaren Kategorien. Was eindeutig getrennt ist, lässt sich besser verkaufen. Rosa wurde Mädchenfarbe, Blau Jungenfarbe. Nicht aus Erkenntnis, sondern aus ökonomischer Bequemlichkeit.


Doch Symbole wirken weiter, auch wenn ihre Herkunft vergessen ist.


Ein Mädchen, das von klein auf von Rosa umgeben ist, lernt nicht nur Geschmack. Es lernt Sichtbarkeit. Rosa ist präsent. Emotional. Kaum zu übersehen. Vielleicht wurde die Farbe genau deshalb später als oberflächlich oder kindlich abgewertet – weil weibliche Sichtbarkeit lange als unangemessen galt.


Als Barbie 1959 in kräftigem Pink erschien, war sie vielen zu viel. Zu schön. Zu feminin. Zu auffällig. Und doch verkörperte sie etwas Ungewohntes: Präsenz. Sie wartete nicht auf Erlaubnis. Sie nahm Raum ein.


Emanzipation beginnt selten laut.

Sie beginnt dort, wo jemand aufhört, sich als Bittstellerin zu verstehen.


Denn was uns oft unbewusst begleitet, ist eine alte Haltung:

die Hoffnung auf Zustimmung.

auf Genehmigung.

auf ein „Du darfst jetzt“.


Doch innere Kraft entsteht nicht durch Bitten.


Wir verlassen uns nicht auf die Almosen eines gebenden Gottes.

Wir knien nicht vor der Hoffnung auf Gnade.

Wir übernehmen Verantwortung — und beginnen zu handeln.


Nicht als Kampf.

Nicht als Trotz.

Sondern als Entscheidung.


So wie im Schach das scheinbar Reine den ersten Schritt macht, zeigt sich auch gesellschaftlich: Macht liegt nicht im Bedrohlichen, sondern im Bewussten. Nicht im Eindruck, sondern im Tun.


Vielleicht müssen wir keine neuen Rollen erfinden.

Vielleicht genügt es, alte Symbole neu zu lesen. Zu erkennen, wie wir geprägt wurden – und uns dann bewusst zu entscheiden.


Dann tragen wir Farben nicht mehr, weil sie uns zugeteilt wurden.

Sondern weil wir wissen, warum wir sie wählen.


Und genau dort wird Sichtbarkeit zur inneren Kraft.

 
 

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